Singet dem Herrn! - 125 Jahre geistliche Musik in Reinbek

Foto: Antje Jess (Bearbeitung: Benedikt Woll)

Am 21. Juli 1901 wurde unsere Reinbeker Maria-Magdalenen-Kirche festlich eingeweiht. Ein für uns heute abstraktes Datum, schließlich hat niemand von uns diesen Tag selbst miterlebt. Und doch gedenken wir in diesem Jahr dem 125. Kirchweihfest. Gewiss, mit Sakralbauten wie dem Kölner Dom, Notre-Dame de Paris oder anderen Kirchen von Weltrang kann die Reinbeker Maria-Magdalenen-Kirche weder aufgrund ihres Alters noch ihrer Größe oder ihrer Orgel mithalten. Und doch ist sie ein besonderer Ort: Exakt diese Kirche, mit ihrer Gemeinde, war und ist für viele Menschen religiöse Heimat – ein Zuhause, ein guter und sicherer Ort.

Es sind in erster Linie nicht die Steine, die diesen Raum zu etwas Besonderem machen, es sind – wie Paulus im 1. Korintherbrief[1] schreibt – die Menschen: Die Menschen, die seit 125 Jahren in dieser Kirche Gottesdienst feiern, Konzerte mitgestalten oder ihnen lauschen, die vielen Menschen, die in dieser Kirche Dienst getan haben und es gegenwärtig tun.

Das Bewusstsein, dass seit 125 Jahren an diesem Ort zur Ehre Gottes musiziert wird, schafft eine für meinen Dienst als Kirchenmusiker wichtige Verbindung zu unseren vorangegangenen Gemeindegliedern und meinen Vorgängern im Amt des Kirchenmusikers in Reinbek und gibt den nötigen Rückenwind, entschlossen und zuversichtlich die Steine beiseitezuräumen, die die heutige Zeit uns in den Weg legt.

Zur Kirchenmusik in Reinbek, die seit 18 Jahren als Kooperation mit der Nachbargemeinde Reinbek-West organisiert ist, gehören aktuell etwa 150 ehrenamtlich musizierende Menschen, vom zarten Kinderstimmchen bis hin zu den Veteranen, die jede Note im Elias auswendig können. Die Kantorei stellt mit zurzeit rund 75 Chormitgliedern die größte aller Gruppen da. Proben für Konzerte beginnen bereits lange im Voraus. So schallt Menschen, die donnerstagsabends am Gemeindehaus vorbeilaufen, bereits im Juli ein fröhliches „Jauchzet, frohlocket“ entgegen. Der Kammerchor ist ein kleiner Chor und probt projektbezogen. Dort singt, wer sich neben der Arbeit in der Kantorei noch mehr „Futter“ wünscht. Die Jugendkantorei besteht zurzeit aus 20 Jugendlichen, die wöchentlich zum Singen zusammenkommen. In der Regel singt die Jugendkantorei auch bei den großen Konzerten der Kantorei mit. Eine wunderbare Gelegenheit für die jungen Menschen, in Kontakt zu klassischer Chormusik zu kommen und Teil davon zu sein. Im Kinderchor wird mit viel Freude schon in sehr jungen Jahren gesungen. Es ist berührend für mich, dass einige Lieder aus meiner Kindheit auch heute noch sehr beliebt sind. Und was wäre evangelische Kirchenmusik ohne einen Posaunenchor? Den haben wir zu unser aller Freude auch! Seit nunmehr 36 Jahren leitet Lothar Scharkus unseren Posaunenchor ehrenamtlich. Er und der Chor sind regelmäßig im Gottesdienst zu hören – zuletzt bei der Konfirmation und am Sonntag Kantate zusammen mit der Kantorei –, sie sind fester Bestandteil des Adventsbasars und aus der Christmette in der Heiligen Nacht gar nicht mehr wegzudenken! Daneben gibt es projektbezogene Instrumental-Ensembles, die besondere Gottesdienste, wie z. B. am ersten Weihnachtstag, musikalisch mitgestalten. Man erkennt: In Reinbek gibt es vielfältige Wege, sich musikalisch zu engagieren. Ich sehe die Attraktivität der Reinbeker Kirchenmusik unter anderem darin, dass uns gleich zwei Kirchen Raum zur Entfaltung bieten – und in dem großen Engagement der Ehrenamtlichen vor Ort. Ohne deren Hilfe wären all die musikalischen Veranstaltungen, vom Kantatengottesdienst bis hin zum Oratorienkonzert, nicht durchführbar. Das sind die Menschen, die vor großen Konzerten unser Podest auf- und anschließend wieder abbauen, die vielen, die in der Stadt und Umgebung Plakate aufhängen und Flyer verteilen, uns zauberhafte Buffets für Sonderproben zaubern, am Abend Karten verkaufen und den Einlass managen.

Kirchenmusik, ob im Gottesdienst oder im geistlichen Konzert, ist Verkündigung. Ihre wichtigste Aufgabe – es ist zugleich die schwerste und schönste – besteht darin, die Gemeinde immer wieder an die Schwelle, den Übergang, die Tür zur Transzendenz zu führen. Diese Momente sind ein großes Geschenk und, Gott sei Dank, nicht mechanisch abrufbar, denn „der Geist weht schließlich, wo er will.“ Geistliche Musik vermag in schweren Zeiten Trost zu spenden. Sie gibt Halt. Das gemeinsame Musizieren in einer Gruppe schafft zudem Gemeinschaft. Es entsteht das erhebende Gefühl eines “Wir”. Man fühlt sich selbstwirksam. Es macht glücklich. Die Kirchenmusik ist damit ohne jeden Zweifel ein kostbares (Kultur-)Gut. Sie gehört gepflegt, erhalten und gefördert – mit allen Mitteln!

Zu Beginn meines Dienstes in Reinbek, im Februar 2024, habe ich mir und meinen Chören nach einer Zeit des Kennenlernens einige Fragen gestellt und daraus für meine Arbeit Ziele formuliert: Wie kann ich beiden, in ihrer Architektur und Akustik ganz unterschiedlichen Kirchräumen in Reinbek das Bestmögliche an Musik entlocken? Wie kann ein Jahresprogramm aussehen, das beiden Gemeinden gleichermaßen gerecht wird? Wie sollen die Chöre klingen? Welche musikalischen Kompetenzen möchte ich an meine Chormitglieder vermitteln? Wie lässt sich die Identifikation der Chormitglieder mit der jeweiligen Gruppe stärken? Wie kann ich neue Chormitglieder gewinnen, vor allem Männerstimmen, die in allen Gruppen unterrepräsentiert sind? Daneben habe ich auch Visionen und Ideen, genährt durch den Eindruck, den ich in den letzten 2 ½ Jahren gewonnen habe: In Reinbek gibt es ein hohes Potential für eine gut aufgestellte, hochwertige und lebendige Kirchenmusik. So habe ich den Wunsch, eine Jugendband zu gründen, die vor allem in moderneren Gottesdiensten neue geistliche Lieder stilsicher begleiten kann. Leider grenzen mangelnde Zeit und Kapazität Ideen dieser Art oft genug ein. Neben der Musik gehört zur Kirchenmusik nämlich auch eine Menge Schreibtischarbeit, die wiederum auch ihren ganz eigenen Reiz hat. Letztlich ist es ein ständiges Abwägen, was im Moment jeweils höhere Priorität hat. Das große Ziel ist dabei aber stets klar: schöne Kirchenmusik erklingen zu lassen – zur Ehre Gottes und zur Freude aller, die sie hören und die sie selbst aktiv zum Klingen bringen.

Um abschließend noch einmal auf den Kölner Dom zu kommen: Es gibt ein altes Kölner Sprichwort: „Wenn der Kölner Dom fertig ist, geht die Welt unter.“ Auch wenn unser Kirchturm ein bisschen kleiner ist, und wir auch nur einen haben, verhält es sich mit der Kirchenmusik in Reinbek genau gleich: Es gibt immer etwas zu tun!

Ich wünsche uns allen, dass wir uns in unserem Alltag immer wieder kleine Inseln des Innehaltens suchen und „Wurzelpflege“ betreiben, dass wir uns darüber freuen, lebendige Steine unserer Maria-Magdalenen-Kirche zu sein und mit unserem Tun und Sein dafür zu sorgen, dass in 25 Jahren die nächste Festschrift zum 150-jährigen Kirchweihjubiläum verfasst werden kann – so Gott will und wir leben.

[1] „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“  (1. Kor 6, 19)

Benedikt Woll, Kirchenmusiker in Reinbek

(aus der Festschrift anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Maria-Magdalenen-Kirche in Reinbek)